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Vom Kollegen zum Vorgesetzten: wenn du plötzlich Chef vom eigenen Team wirst

Von Roger Schenk. Business- und Personal-Coach, Inhaber und Gründer von OpenMind Sales.

Gestern warst du einer von ihnen. Ihr habt zusammen über den Chef gelästert, zusammen Pause gemacht, zusammen die Unternehmensziele in Frage gestellt. Heute bist du der Chef. Dieselben Leute, derselbe Raum, eine andere Rolle.

Der Wechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten ist einer der härtesten im Berufsleben. Nicht wegen der neuen Aufgaben, die lernst du. Sondern weil sich eine Beziehung ändert. Die Nähe, die dich als Kollege stark gemacht hat, wird als Chef zum Problem, wenn du sie nicht neu ordnest.

Die meisten machen in dieser Situation einen von zwei Fehlern. Sie bleiben Kumpel und trauen sich nicht zu führen. Oder sie ziehen über Nacht eine Distanz ein und verlieren genau das Vertrauen, das sie mitgebracht haben. Beides geht schief. Warum Führung überhaupt eine eigene Rolle ist und keine Beförderung des Bisherigen, gehört in den grösseren Zusammenhang: Mitarbeiterführung als Rolle.

Was ändert sich wirklich, wenn du plötzlich Chef vom eigenen Team wirst?

Es ändert sich die Verantwortung, nicht die Person. Du bist derselbe Mensch. Aber du bist jetzt zuständig für die Ergebnisse von Leuten, mit denen du gestern noch auf gleicher Ebene standst.

Als Kollege warst du für deine eigene Arbeit verantwortlich. Als Vorgesetzter bist du dafür verantwortlich, dass andere ihre Arbeit machen können. Das ist keine Steigerung derselben Aufgabe, das ist eine ganz andere Aufgabe.

Und diese Verantwortung kannst du nicht abgeben. Vertrauen wird dabei gerne missverstanden. Vertrauen heisst nicht, die Verantwortung für den Menschen und deren Ergebnisse loszuwerden. Sie bleibt bei dir. Immer. Wer jemandem vertraut, schaut nicht weg, sondern gibt Spielraum und bleibt trotzdem zuständig für das, was herauskommt.

Warum ist dieser Wechsel so schwer?

Weil du zwei Erwartungen gleichzeitig bedienst, die sich widersprechen. Das Team erwartet, dass du bleibst, wer du warst. Deine neue Rolle verlangt, dass du etwas Neues wirst.

Dazu kommt die eigene Unsicherheit. Du willst nicht abheben. Du kennst die Sprüche über Mitarbeiter, die befördert werden und sich verändern. Also machst du dich klein, entschuldigst dich fast für die Rolle und traust dich nicht, eine Entscheidung gegen die Gruppe zu treffen. Das spürt das Team sofort. Führung, die sich für sich selbst entschuldigt, wird nicht ernst genommen.

Der zweite Grund liegt in der Geschichte. Du kennst die Mitarbeiter aus deinem alten Blickwinkel. Du weisst, wer verlässlich ist und wer sich gerne wegduckt. Dieses Wissen ist ein Vorteil, wenn du es sauber nutzt, und eine Falle, wenn alte Sympathien und alter Ärger in deine Entscheidungen einfliessen. Der Kollege darf Partei sein. Der Vorgesetzte muss es lassen.

Meine Haltung: Klarheit ist freundlicher als Nähe

Der grösste Fehler ist der Versuch, die alte Nähe zu retten. Du kannst nicht Chef sein und gleichzeitig einer von ihnen bleiben. Wer das versucht, bekommt weder das eine noch das andere.

Das heisst nicht, dass du kalt wirst. Es heisst, dass du die Beziehung neu definierst, offen und einmal richtig, statt sie schleichend zerfallen zu lassen. Die freundlichste Sache, die du für dein früheres Team tun kannst, ist Klarheit darüber, was jetzt gilt. Unklarheit ist nicht nett. Unklarheit ist die Quelle fast aller Konflikte, die danach kommen.

Ab Tag eins geht es um eines: um den Menschen, den du führst. Was kann er, was kann er nicht, was braucht er. Und vor allem: warum ist er so, wie er ist. Das setzt voraus, dass du ihn als Menschen kennst, nicht nur als Funktion. Diesen Vorsprung hast du eventuell, weil du das Team schon kennst. Nutze ihn, um zu führen, nicht um Freund zu bleiben.

Verantwortung heisst dabei nicht Schuldzuweisung. Es heisst Zuständigkeit. Du bist zuständig dafür, dass jeder weiss, woran er ist. Nicht dafür, dass dich jeder mag.

Wie ordnest du die Beziehung neu?

Mit einer klaren Ansage am Anfang und mit einem Verhalten, das dazu passt. Vier Schritte, die du in den ersten Wochen gehen solltest.

Das Gespräch führen, das alle vermeiden

Sprich die neue Rolle offen an, mit dem Team und einzeln. Nicht in einem Nebensatz, sondern als eigenes Thema. Sag, was du weisst: dass sich etwas ändert, dass es für beide Seiten ungewohnt ist, und dass dir die Zusammenarbeit weiter wichtig ist.

Was du dabei nicht tust, ist um Erlaubnis fragen. Du erklärst nicht, warum du die Rolle verdient hast. Du benennst, dass es sie gibt. Eine Formulierung, die trägt: "Ich weiss, dass das für uns alle neu ist. Ich nehme die Aufgabe ernst und ich möchte, dass wir offen darüber reden, wenn etwas verunsichert."

Gleich behandeln, auch die alten Freunde

Entscheide von Anfang an nach der Sache, nicht nach der Beziehung. Der genaueste Blick im Team gilt der Frage, ob du deine früheren engen Kollegen bevorzugst oder, aus Angst davor, sogar strenger anfässt.

Beides zerstört Vertrauen. Wenn dein alter Gefährte eine Sonderbehandlung bekommt, verlierst du die anderen. Wenn er es besonders schwer hat, weil du beweisen willst, dass du nicht befangen bist, verlierst du ihn. Gleiche Massstäbe für alle sind die einzige Position, die du dauerhaft halten kannst.

Das ist besonders hart, wenn eine schwierige Rückmeldung an jemanden geht, mit dem du früher Pause gemacht hast. Genau daran misst dich das Team.

Den Rollenwechsel im Alltag sichtbar leben

In kleinen Teams lieferst du selbst noch einen Teil der Ergebnisse, das ist normal. Dafür wechselst du die Rolle unter Umständen mehrmals am Tag. In der einen Stunde arbeitest du mit, in der nächsten führst du. Mach beide Rollen sichtbar und vermisch sie nicht.

In deiner Rolle als Mitarbeiter füllst du deine Aufgabe genau so vorbildlich aus, wie du es von jemandem erwartest, der den ganzen Tag nichts anderes tut. Denn dein Team schaut zu. Was du dir selbst durchgehen lässt, lässt du ihnen auch durchgehen, ob du willst oder nicht.

Vorbild heisst dabei nicht unfehlbar. Vorbild heisst, dass du Dinge so erledigst, wie du es von anderen erwartest. Und dass du aus deiner eigenen Fehlbarkeit sichtbar lernst.

Nähe an der richtigen Stelle zulassen

Die Rolle endet mit dem Arbeitstag. Aber echtes Interesse am Menschen bleibt erlaubt und ist sogar nötig. Du darfst die Rolle in der Freizeit ablegen, ohne Indiskretion, aber mit echtem Interesse an dem, wer die Menschen ausserhalb der Arbeit sind.

Der Unterschied liegt in der Absicht. Du bist nicht mehr Kollege, der mitlästert. Du bist der Vorgesetzte, der den Menschen ernst nimmt. Diese Nähe ist nicht dieselbe wie früher, aber sie ist keine geringere. Sie ist nur klarer.

 

Wenn du diesen Übergang begleitet haben willst, statt ihn allein durchzustehen, ist das der Kern von Coaching für Führungskräfte.

Was daraus folgt

Vom Kollegen zum Vorgesetzten zu werden ist kein Karriereschritt, den man nebenbei macht. Es ist ein Rollenwechsel, der die Beziehung zu jedem einzelnen im Team verändert. Wer das aussitzt und hofft, dass es sich von selbst einspielt, wartet vergeblich.

Der Weg ist nicht, Freund zu bleiben. Der Weg ist, die neue Rolle klar zu benennen und sie dann jeden Tag glaubwürdig auszufüllen. Das ist Arbeit und sie kostet dich am Anfang Sympathie. Sie bringt dir etwas Wichtigeres: Respekt, der trägt.

Über den Autor

Roger Schenk, Business- und Personal-Coach, Inhaber und Gründer von OpenMind Sales in Baden. Über 30 Jahre Berufserfahrung, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung. In dieser Zeit hat er eine Vertriebsorganisation von Grund auf aufgebaut und geführt und dabei viele Menschen begleitet, die aus dem Team heraus zur Führungskraft wurden. Er kennt den Moment, in dem aus einem Kollegen ein Vorgesetzter wird, aus eigener Erfahrung und aus der Begleitung anderer.

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